(Deutschland/ 101 Minuten/ Start in Deutschland: 07. 05. 2026)
Sternstunde der Filmkunst! – Wer allein auf Action steht, auf Lautes, Krachendes, dürfte mit diesem Film nichts anzufangen wissen. Alle, die es sensibel mögen, leise, verhalten, können einen intensiven, lange nachwirkenden Kino-Genuss erwarten. Dieser Spielfilm wirkt lange nach. Wobei man nicht fröhlich nachhause geht. Was beim Thema Demenz wohl auch kaum zu erwarten ist. Dennoch fühlt man sich erstaunlich angeregt, nicht niedergedrückt. Was der Klasse von Drehbuch, Inszenierung, Schauspiel zu danken ist. Wobei, wie immer, gilt: alle Gewerke haben exzellent zusammengearbeitet – Kamera, Schnitt, Musik, Ausstattung und und und. Nie Firlefanz, keinerlei Effekthascherei, null Pseudo-Intellektualität.
Die wunderbar geradlinig erzählte Geschichte hat gelegentlich märchenhafte Züge, mutet in einzelnen Szenen wie hingetupft an. Im Zentrum: drei nicht mehr jugendliche Menschen, eine Frau, zwei Männer, Hanne, Kurt, Bernd. Kurt leidet an Demenz. Unerwartet taucht er bei Hanne und Bernd auf, wähnt sich noch immer mit Hanne verheiratet, obwohl die Trennung viele Jahre zurückliegt. Und nun? Der Versuch, ihn schnurstracks ins Heim, in dem er gerade in einer Kurzzeitpflege untergebracht ist, zurückzubringen scheitert. Hanne und Bernd nehmen ihn auf. Kurz sieht es so aus, als könnten sie zu dritt glücklich werden. Doch das funktioniert nicht. Was nun?
Wabernder Gefühlsüberschwang hat keine Chance. Regisseur Welf Reinhart (es ist sein erster abendfüllender Spielfilm!) und seine Drehbuchmitautorin Tünde Sautier haben jeden Anflug von Kitsch verbannt. Es ist nicht ihr erster gemeinsamer Erfolg. An der Hochschule für Fernsehen und Film München, dort haben sie studiert, bekamen sie 2022 für ihren Kurzfilm „Eigenheim“ einen Studenten-Oscar in Silber. Schon da fiel ihr Können für feingeistiges Erzählen auf. Ein Versprechen auf eine glanzvolle Zukunft. Das sie nun aufs Wunderbarste einlösen.
Kern des Films: eine Auseinandersetzung damit, welche Folgen es haben kann, wenn Menschen nicht freimütig über sich und ihre Empfindungen reden, sich anderen gegenüber nicht wirklich öffnen können. Überaus vielsagend wird die Last des Schweigens beleuchtet – und das ohne Bilder voller lastender Bedeutung oder mit irgendwelchen „Weisheiten“ vollgepfropfte Dialoge. Es wird viel geschwiegen, ausgewichen, weggesehen. Die Filmerzählung ist überaus behutsam. Man fragt sich als Zuschauer, wie die Story enden soll – und wird von einem absolut schlüssigen Finale begeistert. Da wird dann alles gesagt und dem Publikum nichts vorgekaut. Jede und jeder im Kinosaal kann sich selbst einbringen.
Das Hauptdarstellertrio nimmt einen sofort gefangen. Angeführt wird es von Dagmar Manzel, einer der ganz Großen der Schauspielkunst hierzulande. Mit kleinsten Mitteln tastet sie sich in das Innere der Hanna vor. Man meint, mit ihr gemeinsam mehr und mehr die Gedanken und die Gefühle der Figur zu entschlüsseln. Phänomenal, weil sie Hanna nicht eine Sekunde lang vorführt, sondern sie voller Zärtlichkeit erkundet. Auch Harald Krassnitzer und August Zirner sind vielfarbige Charakterstudien gelungen. Die von ihnen verkörperten Männer wirken völlig authentisch.
Herrlich: Kein verkopftes Rätselkino, sondern eine schlichte Annäherung an die gewichtige Frage, was Menschen zu Menschen macht. Dabei wird das Publikum nicht unterschätzt und mit Antworten zugeballert, sondern darf mitdenken und vor allem mitfühlen. Großartig!