(Deutschland/ 122 Minuten/ Start in Deutschland: 27. 08. 2026)
Mutig. – Kai Stänicke zeigt Risikobereitschaft. In der derzeit doch vor allem von klassischen Stilen und Erzählmustern geprägten internationalen Kinolandschaft wandelt er auf ungewohnten Wegen. Allein das verdient Respekt, Neugier, Würdigung. Wobei: Das allein macht noch keinen guten Film aus. Doch den bietet er, einen sehr guten.
Bertolt Brechts berühmte-berüchtigter Verfremdungseffekt und insbesondere der vor dreiundzwanzig Jahren uraufgeführte Spielfilm „Dogville“ des Dänen Lars von Trier kommen einem in den Sinn. Drehbuchautor und Regisseur Kai Stänicke dürfte sich Anregungen von dort geholt haben. Und die hat er clever umgesetzt. Er erzählt vordergründig von einem jungen Mann (großartig: Paul Boche), der sich in einem kleinen Insel-Ort als er selbst behaupten muss. Die Frage, ob er der ist, für den er sich ausgibt, wirbelt die Ortsgemeinschaft durcheinander. Ein Gericht wird einberufen – und verhandelt werden mehr und mehr Fragen von Moral, Ethik, Weltanschauung.
Nichts da mit Kitsch. Die Kulissen sind als solche deutlich erkennbar, alle Mitwirkenden zeigen mehr, als dass sie darstellen. Schau-Spiel ist angesagt. Das mutet streng an, agitatorisch – und birst zeitweise geradezu vor Spannung. Wer in Gefühlen schwelgen möchte, wird nicht bedient. Allerdings: Im Nachhinein schlägt einem das Herz doch heftig. Denn man wird unweigerlich dazu gebracht, über sich selbst, eigenes Verhalten, das persönliche Verhältnis zu Wahrheit und Lüge nachzudenken. Und da stehen einem dann Schweißperlen auf der Stirn.