„Verbrennungen“

„Verbrennungen“ (d’haus/ Schauspielhaus/ Kleines Haus)

Spannend, klug, bewegend, exzellent inszeniert und gespielt. – Das vor mehr als zwanzig Jahren (2003) uraufgeführte Stück, weithin berühmt durch die in Deutschland unter dem Titel „Die Frau, die singt“ bekannte Verfilmung, hat das Format eines Shakespeare-Dramas: Es ist verstehbar als künstlerisch hoch verdichteter historischer Bericht und zieht zugleich mit Krimispannung, emotionaler Tiefe und philosophischem Gehalt in seinen Bann. Insbesondere begeistert es mit einer überaus reichen Sprache. Dem aus dem Libanon stammenden Schriftsteller Wajdi Mouawad, bekannt geworden durch Theaterarbeiten in Kanada und Frankreich, ist ein großer Wurf gelungen. Denn das Stück eröffnet den Blick ins Allgemeingültige, weist weit über die vorgeführte Handlung hinaus.

   Das Geschehen folgt der Suche eines Zwillingspaars (eine junge Frau, Jeanne, und ein junger Mann, Simon) in den frühen 2000er Jahren nach der Lebensgeschichte ihrer Mutter Nawal und damit der eigenen. Die verstorbene Nawal hat ihnen in ihren letzten Verfügungen den Auftrag gegeben, den Vater und einen den beiden bisher unbekannten Bruder aufzuspüren. Die Kinder reagieren zögerlich, verstehen zunächst nicht, warum sie den Wunsch der toten Mutter erfüllen sollen. Jeanne, die Mathematikerin, beginnt und erfährt wahrlich Ungeheuerliches …

   Zentrales Thema des Stückes ist nicht die Auseinandersetzung mit der grausamen Gewalt, die Nawal während des Bürgerkriegs im Libanon (1975 – 1990) erleiden musste. Nachgedacht wird viel mehr über das Schweigen, das Nawals, das der Welt. Jedem ist klar, dass Schweigen oft Schutz bedeutet. Doch es bewirkt auch Verdrängen und Vergessen und öffnet damit jedweder Verrohung Tür und Tor.

    Die überaus dichte Inszenierung von Regisseur Bassam Ghazi setzt in hohem Maß auf die Kraft der Worte – und des Nichtgesagten. Wenige tänzerisch-pantomimische Momente strukturieren den Fluss der Erzählung, geben dem Publikum die Möglichkeit des Innehaltens und damit der Einfühlung und der intellektuellen Annäherung. Die Spielenden, Profis und Laien, erreichen eine explosive Intensität. Jede und jeder wirkt absolut authentisch. Was sicher auch dadurch gestärkt wird, dass vielfach arabisch gesprochen wird. Ausschlaggebender aber dürfte vor allem das Können des Regisseurs gewesen sein: Ein derart bruchloses Ensemblespiel ist höchst selten zu erleben. Da scheut man sich, einzelne der Mitwirkenden herauszuheben. Drum seien auch nur zwei – stellvertretend für alle! – genannt: Voula Doulgkeridou als Jeanne und Jalal Chafik im Part des Simon. Die zwei haben eine elektrisierende Bühnenpräsenz. Jeder Moment der vermeintlichen Ruhe und alle Augenblicke der Wut und der Angst mutet wahrhaftig an. Als Zuschauerin und Zuschauer ist man sofort an ihrer Seite und spürt dadurch die Erfahrungen des Zwillingspaares fast körperlich. Wie schon geschrieben: Voula Doulgkeridou und Jalal Chafik seien als Beispiel genannt. Alle, die auf der Bühne zu sehen und zu hören sind, leisten Außerordentliches. Wobei wieder einmal deutlich wird: Sämtliche Gewerke tragen zum Gelingen eines Theaterabends bei – Bühnenbild, Kostüm, Lichtgestaltung, Ton … Es ist hier eine rundum gelungene Teamarbeit zu feiern.

   Die Aufführung von „Verbrennungen“ im Kleinen Haus des d’haus, keine zwei Stunden lang, bietet inhaltsreiches und formal völlig überzeugendes, aufwühlendes Theater. Der Abend stärkt die Hoffnung all jener Unverbesserlichen, die noch immer daran glauben möchten, dass die Kunst des Schauspiels wenigstens kleine Veränderungen in der Welt anstoßen kann, indem es die Herzen und den Geist wacher Menschen im Publikum stärkt. Man geht nach der Aufführung aufgewühlt und angeregt wie selten aus dem Theater.

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