Marie des Brebis

Christian Signol „Marie des Brebis“, übersetzt von Corinna Tramm; Unionsverlag; 192 Seiten; Preis: 13 Euro

Erinnerungen an ein durchschnittliches Leben – berauschend schön. Das im Original bereits vor gut 35 Jahren erschienene Buch, in der ansonsten feinen deutschen Übersetzung mit dem scheußlich-kitschigen Untertitel „Der reiche Klang des einfachen Lebens“ versehen, beruht auf Tatsachen. Autor und Verlag jedenfalls sagen so. Die Ich-Erzählerin habe Christian Signol in den 1980er-Jahren ihr Leben erzählt. Er habe es aufgeschrieben. Wahrheit? Finte? Das ist völlig egal. Ob tatsächlich eine Biografie oder ein Roman: das Buch becirct die Leserschar.

   Die Ich-Erzählerin, Marie, Jahrgang 1901, ein Findelkind, zeitlebens in kleinsten Verhältnissen zuhause, lässt ihr Dasein Revue passieren. Es ist ein von Armut gezeichnetes Leben, geprägt vom Ersten und vom Zweiten Weltkrieg, von materieller Not, auch Neid und Missgunst anderer Menschen, doch vor allem Liebe. Marie wurde geliebt, etwa vom Schäfer, der sie als Baby gefunden hat, später von ihrem Mann. Und sie hat geliebt. Wovon sie am liebsten erzählt. Und das stets voller Demut. Denn alles Glück, von dem sie berichtet, so weiß sie, war und ist nie selbstverständlich.

   Das trotz seines aus dem Stand heraus enormen Verkaufserfolgs erst etwa zwei Jahrzehnte nach seinem Ersterscheinen aus dem Französischen ins Deutsche übersetzte Buch, 2023 erfreulicherweise in dieser Übersetzung erneut in Deutschland herausgekommen, besticht mit dem, was so viele Künstlerinnen und Künstler anstreben, jedoch die wenigsten erreichen: Schlichtheit. Es scheint, als habe der Autor tatsächlich nichts als Gehörtes aufgeschrieben, eins zu eins. Natürlich ist dem nicht so. Der Text ist klug komponiert. Raffiniert aufgebaute Spannungsbögen verführen dazu, mit dem Lesen gar nicht aufhören zu wollen. Was bleibt am Ende? Keine Anekdötchen, keine Sensationen, kein Thrill – doch eine wunderbare Harmonie in einem selbst. Marie lässt die Seele lächeln.

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