„Like A Complete Unknown“

(USA, 2024, 141 Minuten/ Start in Deutschland: 27. 02. 2025)

Noch ein Biopic – allerdings, eines, dass erst gar nicht so tut, als könne es wirklich das Leben und den Charakter der Hauptfigur ergründen. Der Titel sagt’s schon: „Like A Complete Unknown“ („Wie ein völlig Unbekannter“). Der Unbekannte ist und bleibt Bob Dylan. Auch nach diesem Spielfilm wird niemand behaupten können, den jetzt 83-jährigen Star zu kennen.

   Das war schon 2027 so. Damals versuchte der Episoden-Spielfilm „I’m Not There“, die Persönlichkeit des Künstlers zu erforschen. Verschiedene Darstellerinnen und Darsteller wurden eingesetzt, um das Chamäleon zu fassen. Das war spannend und lustig, aber wegen der enormen Verspieltheit nicht ganz leicht zugänglich. Regisseur James Mangold und Team haben sich bei „Like A Complete Unknown“ für ein geradliniges Erzählen entschieden. Dylan-Kenner werden also kaum Neues erfahren. Was aber völlig unwichtig ist. Schließlich geht es hier nicht um irgendwelche Schlüssellochblicke.

   Beleuchtet wird die frühe Zeit des 2016 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichneten Song-Poeten und Lyrikers. Anregungen lieferte ein Sachbuch mit dem Tital „Dylan Goes Electric!“. Die Handlung beginnt 1961. Viel Musik prägt das Geschehen. Es darf geschwärmt werden. Fesselnd jedoch sind insbesondere jene Szenenfolgen, die Bob Dylan ganz schlicht als Mensch mit zum Teil extremen Ecken und Kanten zeigen. Der Bob Dylan des Films ist kein Mann, der auf einen Heldensockel passt. Das illustrieren vor allem die Begegnungen mit seiner Kollegin Joan Baez (Monica Barbaro) und mit (der für diesen Film erfundenen aber nach einem realen Vorbild gestalteten) Sylvie Russo (Elle Fanning). Durch sie wird er zum politisch denkenden Zeitgenossen. Legendäre Songs wie „Blowin‘ In The Wind“ und „The Times They Are a-Changin“ werden zu Hymnen aller, die für Gleichberechtigung und gegen Krieg antreten. Der Folk-Star könnte sich nun auf seinem Ruhm ausruhen. Tut er aber nicht. Er sucht nach neuen künstlerischen Herausforderungen, will keinen platten Erwartungen entsprechen. Damit eckt er gehörig an, vor allem auch bei seiner Anhängerschar. Wie dies erzählt wird, macht den Film bemerkenswert: als Feier freien Denkens.

   Timothée Chalamet hat sich angeblich fünf Jahre auf die Rolle vorbereitet. Ob’s stimmt? Egal! Er wirkt authentisch. Man glaubt ihm jede Regung, jedes Wort. Schön, dass er, wie der ganze Film, dem Porträtierten viel Geheimnis lässt. Gerade das macht die Interpretation so glaubwürdig. Mit ihm agiert ein erstklassiges Ensemble. Es ist eine Lust, ihnen allen zuzusehen. Bob Dylan selbst hat sich angeblich überaus lobend zu Timothée Chalamet geäußert. Auch hier ist fraglich, ob das wahr ist. Denn zugleich ist zu hören, er habe den Film gar nicht gesehen. Wenn das richtig ist, muss man sagen: Er hat was versäumt.

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