König Lear

Shakespeares Dauerbrenner neu inszeniert am d’haus, am Düsseldorf Schauspielhaus

Der Mensch kann sehr, sehr unmenschlich agieren. Mehr erzählt diese Neuinszenierung von William Shakespeares Tragödie „König Lear“ nicht. – Das verblüfft. Denn die Geschichte um den König, der sich aus Dummheit und Eitelkeit selbst ins Aus laviert, gespiegelt in einem reichen Geschehen um die Eroberung und den Erhalt von Macht, gehört zu den Dauerbrennern der Theater. Das Stück bietet nun einmal viel, um den Zustand der Welt nachzudenken, über die Rolle des Menschen bei der Gestaltung genau dieser Welt. Ganz klar: Eine Fülle an Interpretationen ist denkbar, vom psychologisch ausgefeilten Thriller, über die böse Satire bis zur analytischen Polit-Parabel inszeniert werden. Regisseur Evgeny Titov hat sich für nichts dafür entschieden. Wobei nicht zu erkennen ist, was er bezweckt. Auf Grundlage der wunderbaren deutschen Übersetzung von Frank Günther hat er kühn eine gerade mal etwa eine Stunde und fünfundvierzig Minuten dauernde Version erarbeitet. Er hat enorm gestrichen und verkürzt. Nahezu alle auftretenden Personen wirken wie Comic-Figuren, wobei die die guten schrecklich gut sind und die Bösen furchtbar böse. Die den großen Wert, weil Gedankenreichtum, der Vorlage ausmachende politische Ebene um Krieg sowie Mord wegen Macht- und Besitzgier fehlt. Geblieben sind lediglich stereotype Figuren ohne Fleisch und Blut. Es wird viel aufgesagt, aber nichts wird gelebt. Kein Herzschlag, nirgends.

   Burkhart Klaußner gestaltet die Titelfigur zunächst recht lakonisch und für Momente gar ironisch als selbstsicheren Egozentriker. Fein zeichnet er dann dessen Abdriften in Verzweiflung und Umnachtung. Kein falsches Pathos blitz auf, keine Sentimentalität. Aber da die Inszenierung in einem gesellschaftlichen Nirgendwo verbleibt, kann Klaußner nicht mehr als das Porträt eines unglücklichen, eines verstoßenen alten Mannes zeichnen. Das ist höchst bedauerlich. Der schon so oft zu Recht gefeierte Schauspieler hätte eine gehaltvollere Aufführung verdient. Neben und um ihn herum gibt es in darstellerischer Hinsicht viel Artistik, vor allem Sprachartistik. Doch das wirkt durchweg abgezirkelt, ausgedacht. Da blitzen nicht mal Charakterskizzen auf, geschweige denn Charakterstudien. Was rasch zu Langeweile führt.

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