(USA 2024, 114 Minuten/ Start in Deutschland: 16. 01. 2025)
Die Story in Stichworten klingt nach 08/15-Thriller. Geboten wird jedoch ganz anderes! – Journalist Justin Kemp (Nicholas Hoult), erfolgreich als Lifestyle-Reporter, geht’s gut. Scheinbar einziges Problem: die Hochrisikoschwangerschaft seiner Frau. Stress ist angesagt. Doch gemeinsam wird das Paar die Lage meistern. Störend nur: Er wird als Geschworener eines Mordprozesses berufen. Der Versuch, sich davor zu drücken, schlägt fehl. Doch da die meisten der Jurorinnen und Juroren die ihnen aufgezwungene Aufgabe rasch hinter sich bringen wollen, dürfte ihn die unabwendbare Verpflichtung nicht lange aufhalten. Diese Annahme aber ist falsch. Denn erstens ist Justin nicht von der Schuld des Angeklagten überzeugt. Und zweitens bedrängt ihn bald die Frage, ob nicht er selbst, wenn auch unwissentlich, schwere Schuld auf sich genommen hat. Darf er schweigen? Oder muss er reden und sich damit der Gefahr aussetzen, selbst auf der Anklagebank zu landen? Steht Ehrlichkeit über allem? Entspricht das Recht stets der Gerechtigkeit? Ist das Einhalten moralischer Normen wirklich immer Pflicht?
Das Drehbuch von Jonathan A. Abrams soll viele Jahre als nicht realisierbar gegolten haben. Regisseur Clint Eastwood hat es sich dem Vernehmen nach zu eigen gemacht und einige Änderungen vornehmen lassen. Herausgekommen ist ein packendes Gerichtsdrama. Der legendäre Klassiker „Die zwölf Geschworenen“ (1957) hat vielleicht Pate gestanden. Auf jeden Fall dürfte der berühmte Film vielen sofort in den Sinn kommen. Denn wie damals, so weist heute „Juror #2“ über den Kern der erzählten Geschichte hinaus. Geschickt, weil unaufdringlich, wird der Zusammenhang von persönlichen Entscheidungen und gesellschaftlichem Befinden thematisiert. Das ausgeschrittene Konfliktfeld zwischen Schuld und Unschuld, Moral und Unmoral, Recht und Gerechtigkeit betrifft nicht allein Justin Kemp, den Protagonisten des Films, sondern die Gemeinschaft, in der er lebt, in der jede Zuschauerin und jeder Zuschauer in der so genannten westlichen Welt lebt.
Wie schon oft: Clint Eastwoods Inszenierung zeichnet sich durch Geradlinigkeit aus. Wieder hat er exzellenten Schauspielerinnen und Schauspielern, Nicholas Hoult als Justin und Toni Collette in der Rolle einer kompromisslosen Staatsanwältin an vorderster Front, die Chance zu fein ziselierten Charakterstudien gegeben. Und: Man darf in Bezug auf Eastwood wohl auch von Bescheidenheit reden. Denn nie drängt sich die Regie mit Firlefanz in den Vordergrund. Eastwood kam es offenkundig darauf an, das Nachdenken über die Bedeutung moralischer Integrität für die Gesellschaft an das Publikum weiterzugeben. Das gelingt bravourös. Man fühlt sich als Zuschauerin, Zuschauer oft direkt in Justin hineinversetzt und damit auf der Suche nach der richtigen Haltung – für sich selbst und für die Gemeinschaft.