(Deutschland/ 128 Minuten/ Start in Deutschland: 05. 03. 2026)
Starkes Polit-Kino. – Regisseur İlker Çatak gewann jüngst den Hauptpreis, den Goldenen Bären, der Berlinale 2026. Bemerkenswert. Die Filmfestspiele wurden von ausufernden Diskussionen um politische Fragen geprägt. Darunter waren beispielsweise auch die, wie politisch Kunst ist, ob sich Filmschaffende politisch äußern sollten. Leider wurde weniger kontrovers in gutem Sinn gestritten, als dass Anklagen rausgebrüllt wurden. Die Auszeichnung von „Gelbe Briefe“ wirkte wohl auf alle, die ernsthaft geführte und argumentativ gestützte offene (!) Diskussionen zu schätzen wissen, geradezu erleichternd. Davon abgesehen hat dieser Spielfilm aber schlichtweg viele Qualitäten, die die Bären-Ehrung absolut rechtfertigen.
Kurz die Story angerissen: Schauspielerin Derya (Özgü Namal) und ihr Mann, Theaterautor und Hochschuldozent Aziz (Tansu Biçer), sind Stars der Theaterszene in Ankara. Doch kritische Äußerungen im Internet werden ihnen zum Verhängnis. Sie verlieren ihre Arbeit, geraten in finanzielle Schwierigkeiten und müssen Angst haben, aus ihrer Wohnung zu fliehen. Es kommt gar zu einem Gerichtsverfahren gegen Aziz. Erstmal kommen sie mit ihrer 13-jährigen Tochter Ezgi (Leyla Smyrna Cabas) bei seiner Mutter unter. Doch das ist kein Zustand für die Ewigkeit. Das Paar muss sich entscheiden: Schweigen oder Auflehnung …
Regisseur İlker Çatak, der auch am Drehbuch mitgeschrieben hat, nutzt die Geschichte, um grundsätzlich auf die Bedrohung der Demokratie durch Fanatismus, Engstirnigkeit, Dummheit und diktatorische oder autokratische Strukturen. Dabei ist er sehr deutlich. Trotz des so ernsten wie komplizierten Themas ist der Film überaus publikumswirksam. Çatak kann bekanntermaßen nun mal überaus wirkungsvoll erzählen. Spannung und Gedankenreichtum sind klug miteinander ausbalanciert. Das Private spiegelt geschickt Gesellschaftliches, ohne dass überzogen agitiert werden würde. Der Goldene Bär ist verdient.
Großes Plus: Die schauspielerische Klasse in allen Rollen. Man wird durch die Akteure rasch ins Geschehen hineingezogen, bleibt nahe an den Figuren, spürt deren Ängste deutlich, kann ihr Handeln nachvollziehen. Natürlich drängt sich rasch die Frage auf, wie man sich selbst verhalten würde. Und das nicht allein in Bezug auf Derya Aziz. Besonders aufwühlend ist, wie die Menschen um sie herum agieren. Leute, die ihnen eben noch beruflich und privat nahestanden, werden plötzlich zu Helfershelfern ihrer Peiniger. Die wohlfeile Ausflucht in Vorschriften wird schnell ergriffen. Wer kennt ihn nicht, den unheilvollen Satz „Ich kann ja nichts tun!“ – Mit satter Krimispannung rast die Story aufs Finale zu. Das viele Fragen offen lässt. Gut so.