(Brasilien, Frankreich, 2024, 135 Minuten/ Start in Deutschland: 13. 03. 2025)
Packendes Polit-Kino fern von vordergründiger Agitation. – Im Finale erinnert der Film an eine vermeintlich glückliche Zeit, ein Familienidyll in Brasilien. Der Film beginnt mit dem Zerbersten aller „Trautes Heim, Glück allein“-Freuden. Denn der Vater, Rubens Paiva (Selton Mello), Bauingenieur und bis zur Machtübernahme des Militärs 1964 Abgeordneter der brasilianischen Arbeiterpartei, wird von den Schergen der Diktatur verhaftet. Die Mutter, Eunice Paiva (Fernanda Torres), versucht zunächst, den fünf Kindern weiterhin Sicherheit zu geben. Ruhe als erste Bürgerpflicht? Das klappt nicht. Sie selbst wird verhört, auch die jugendliche Tochter Eliana (Luiza Kosovski). Eunice kann nicht länger stillhalten. Sie rafft all ihren Mut zusammen, fragt, forscht, wird Juristin, setzt sich schließlich vor allem als Menschenrechtsaktivistin ein. Erst Mitte der 1990er Jahre wird sie erfahren, was mit ihrem Mann geschehen ist. Wie so viele Regimegegner wurde er umgebracht.
Der packende Film zeigt Eunices Entwicklung fern von jedwedem Pathos. Fernanda Torres setzt bei der Interpretation dieser Frau vor allem auf leise Töne. Damit gelingt es ihr, den Widerstreit von Zweifeln, Ängsten, Wut und Aufbegehren so zu spiegeln, dass man sie als Zuschauer nicht nur versteht, sondern mit ihr mitfühlt. Und man stellt sich rasch die Frage, wie man selbst handeln würde.
Wie die Hauptdarstellerin, so baut auch die Inszenierung auf Zurückhaltung. Oft sind es fast beiläufig anmutende Bilder, die den Schrecken der Diktatur spiegeln. Sehr wirkungsvoll. Da werden beispielsweise Hubschrauber zu Symbolen des Bösen. Auch wer nicht weiß, dass Regimegegner in lateinamerikanischen Diktaturen während der 1970er Jahre oft lebendig oder kurz nach ihrer Ermordung von Helikoptern aus ins Meer geworfen wurden, spürt die Bedrohung, die da am Himmel kreist.
Der Film beruht auf Tatsachen und Erinnerungen des Paiva-Sohnes und des Regisseurs Walter Salles. Die Botschaft ist klar: Abwarten, Beobachten, Duckmäusertum führt nicht zu Erfolg. Wer eine menschliche Welt möchte, muss sich einmischen, sei es im Kleinen oder im Großen. Wegsehen ist immer falsch. Weil ohne agitatorischen Eifer, berührt das Drama außerordentlich. Es wurde zu Recht mit dem Oscar für den besten internationalen Film ausgezeichnet.