Freud – Jenseits des Glaubens

Rückschau ins Gestern mit Blick aufs Heute. Seinen Namen kennt wohl fast jeder: Sigmund Freud (1856 – 1939). Vor 85 Jahren ist der Arzt, Psychologe und Religionskritiker hochbetagt gestorben. Nachdem die deutschen Nazis 1938 Österreich besetzt hatten, musste er wegen seiner jüdischen Herkunft und auf Grund seiner Arbeiten Wien verlassen. Schon schwer von einer Krebserkrankung gezeichnet, blieb ihm in London nur noch etwas mehr als ein Jahr, fürsorglich begleitet von seiner Tochter Anna (Liv Lisa Fries).

Der Film blickt auf die letzten Tage dieses Jahres. Fakten und Fiktion sind eng miteinander verwoben. So ist beispielsweise nicht klar, ob der 83jährige (Anthony Hopkins) im September 1939 tatsächlich dem irischen Gelehrten und Schriftsteller C. S. Lewis (Matthew Goode) begegnet ist, ja, ob er ihn überhaupt jemals getroffen hat. Heute vor allem als Autor der in den 1950er Jahren veröffentlichten „Chroniken von Narnia“ bekannt, gehörte Lewis damals zu den einflussreichsten Gelehrten, Großbritanniens, tätig an den Universitäten von Oxford und Cambridge.

Zentrum der Filmerzählung sind die Gespräche der beiden Männer. Die drehen sich um wissenschaftliche Fragen, Theorien, Religion. Sie zielen allerdings nahezu durchgehend auf Alltägliches ab, das Leben gewöhnlicher Menschen. Freud sah die Einzelne und den Einzelnen ja stets nie kühl als „Fall“, sondern immer mit Empathie als in hohem Maß auch von gesellschaftlichen Zuständen geprägte Persönlichkeit.

Dadurch werden die Auseinandersetzungen der zwei überaus gebildeten Geistesgrößen auch zu einem Spiegel heutiger Lebensumstände und vor allem allgemeinverständlich. Man muss sich weder in den Arbeiten Freuds auskennen noch überhaupt wissenschaftlich ausgebildet sein, um folgen zu können.

Der Film basiert auf einem Theaterstück basiert. Das spürt man dem Film an. Daran ändern auch einige geschickt eingebaute Rückblenden nichts, mit denen Regisseur Matthew Brown manchen gedanklichen Hintergrund erhellt. Wesentlicher: Der auch am Drehbuch beteiligte Bühnenautor Mark St. Germain hat es verstanden, eine enorme Spannung aufzubauen. Gebannt verfolgt man die diversen Dispute.

Letztlich laufen sie alle darauf hinaus, wie Menschen etwa unterschiedlichster Herkunft, Bildung, Glaubens, Sexualität ein für alle gewinnbringendes Miteinander gestalten könnten. Die Aktualität liegt auf der Hand. Ganz klar spielt der Horror des Krieges eine nicht unwesentliche Rolle. Auch dies ist derzeit greifbar nah. Klugerweise laufen die Gespräche nicht auf griffige Antworten oder schicke Patentrezepte hinaus. Vieles bleibt offen. Das gibt dem Publikum die Möglichkeit, gedanklich einzuhaken. Und man erlebt, welchen Gewinn ein respektvoller Streit bringen kann.

Exzellentes Schauspiel prägt den Film. An der Spitze des Ensembles steht der jetzt 86jährige Anthony Hopkins („Das Schweigen der Lämmer“). Es ist schier atemberaubend, wie es ihm gelingt, den vielschichtigen Charakter Freuds zu erkunden. Nicht ein einziges Mal kommt der Eindruck auf, da spiele einem jemand etwas vor. Oft sagen die Augen mehr als alle Worte. Man hat im Kino das Gefühl, dem berühmten Mann ungemein nah zu kommen. Was auch der Präsenz von Liv Lisa Fries („In Liebe, Eure Hilde“) zu danken ist.

Als Freuds Tochter Anna ist sie sozusagen diejenige, über die die Zuschauer Sigmund Freud kennen lernen. Die jetzt 34jährige Berlinerin dürfte sich mit dieser Rolle endgültig international etablieren können. Freilich bleibt einem Anthony Hopkins am nachhaltigsten in Erinnerung. Die von ihm unprätentiös ausgestrahlte Weisheit und angesichts der gezeigten Lebensumstände erstaunliche Gelassenheit beeindrucken ungemein. Matthew Goode („Match Point“) hatte die besonders schwierige Aufgabe zu meistern, C. S. Lewis nicht zum Stichwortgeber zu degradieren. Er hat sie bravourös gemeistert.

Grell Effekthascherei bleibt aus. Mit wohltuendem Ernst wird Bedeutendes reflektiert, nämlich die Chance der Menschheit auf eine lebenswerte Zukunft. Kluges Kino für Erwachsene.

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