„Der Fremde“

(Frankreich/ 120 Minuten/ Start in Deutschland: 01. 01. 2026)

Exzellente Literaturadaption! – Albert Camus‘ 1942 erschienener Bestseller „Der Fremde“ gilt laut diversen Statistiken als der bis heute meistverkaufte französischen Roman des 20. Jahrhunderts. Schier unzählige Veröffentlichen haben sich mit dem Buch, einem   d e r   literarischen Zeugnisse des Existenzialismus‘ und des Absurdismus‘, auseinandergesetzt. Deutungen gibt es viele, im Kino bisher allerdings erst eine, 1967 herausgekommen, inszeniert von Luchino Visconti. Er scheiterte, dies jedoch sehr elegant. François Ozon hat nun mit dem zweiten Spielfilm nach Camus‘ Bestseller nicht nur den richtigen Ton der Vorlage getroffen. Sein atmosphärisch dichtes Drama überzeugt mit einer unaufdringlichen, jedoch deutlichen (auf die Gegenwart zielenden) Gesellschaftskritik.

   Wie der Roman, so führt der Spielfilm in die 1930er Jahre, in das von Frankreich kolonialisierte Algerien. Der Büroangestellte Meursault (Benjamin Voisin) wird des Mordes an einem Araber angeklagt. Rückblenden zeigen, wie es zu der Tat kam. Vor allem wird dabei deutlich, dass sich der Täter, ein Mann in seinen 20er Jahren, allen gesellschaftlichen Konventionen entzieht: Scheinbar vollkommen farblos, nimmt er die Welt allein grau-in-grau wahr, interessiert sich offenbar für nichts. Das menschliche Leben erachtet er, so aller Anschein, als völlig überflüssig und bedeutungslos. Für seine Schüsse auf einen ihm fremden Mann am Strand von Algier gibt es keinerlei Erklärung. Der Ankläger verlangt die Todesstrafe. Was Meursault ungerührt hinzunehmen scheint …

   Bevor von all dem erzählt wird, führen alte Dokumentaraufnahmen ins Algier der Handlungszeit. Glanz und Glamour werden gefeiert. Doch dann bezeugen Schilder anderes: die Araber wurden von den Besatzern unterdrückt, als Menschen zweiter Klasse behandelt. Die Ermordung eines Einheimischen durch einen Franzosen zog in der Regel keine hohen Strafen nach sich. Dieses Mal ist das anders, weil Meursault anders ist als die anderen. Er passt sich nicht ein in das System, das allein der Profitmaximierung weniger Machtträger dient. Die so genannten kleinen Leute gelten nichts.

   François Ozons hat dicht inszeniert. Die Schwarz-Weiß-Bilder des vom Regisseur seit Jahren geschätzten belgischen Kameramanns Manuel Dacosse strahlen eine beklemmende Kälte aus. Nichts lenkt von den Geschehnissen um die Hauptperson ab. Benjamin Voisin gelingt als Meursault das Kunststück, einen völlig in sich gekehrten Mann, der sich selbst für unbedeutend hält, so darzustellen, dass man als Zuschauer unbedingt in dessen Gedankenwelt eindringen möchte. Der Schauspieler braucht dazu kaum mehr als die umnebelt anmutenden Blicke aus seinen fast unentwegt leer wirkenden Augen. Er zeigt den stillen Mann als einen unbewussten Rebellen wider eine Weltordnung, in der der Mensch nichts als eine Ware ist. Neben Benjamin Voisin fällt besonders Pierre Lottin auf. Der von ihm verkörperte Raymond, ein Bekannter von Meursault, ist dessen ganzes Gegenteil: laut, vulgär, egozentrisch, brutal. Lottin strahlt eine vibrierende Energie aus, die den von ihm verkörperten Kleinkriminellen gleichzeitig abstoßend und anziehend erscheinen lässt.

   Ozon hat sich erfreulicherweise vor irgendwelchen banalen Erklärungen gehütet. Er folgt Camus, lässt den Figuren Geheimnisse, zeigt jedoch eine deutliche politische Erzählhaltung. Das macht den Film zu mehr als der Illustration eines literarischen Welterfolgs von gestern. Es holt die Story ins 21. Jahrhundert. – Wer im Kino Denkanstöße sucht, wird bestens bedient.

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