„Der Brutalist“

(Vereinigtes Königreich, USA, Ungarn, 2024, 215 Minuten/ Start in Deutschland: 30. 01. 2025)

Dies ist die wohl tiefgründigste Film-Biografie seit Orson Welles‘ „Citizen Kane“ (1941). – Bei Begriffen wie „Meisterwerk“ ist Vorsicht geboten. Der Gebrauch von Superlativen hat seit Jahren ein unerträgliches Ausmaß angenommen. Auf nahezu alle und alles werden Begriffe wie „Schönste“, „Beste“ „Größte“ verwandt. Klar, klappern gehört zum Geschäft. In diesem Fall allerdings klappern allein zehn Oscar-Nominierungen (und bereits -x andere Auszeichnungen) mehr als genug. Doch, ja: Es ist dringend angeraten, sich diesen Spielfilm anzusehen. Gehaltvolleres – in jeder Hinsicht auf hohem Niveau – lässt sich im aktuellen internationalen Speifilm-Angebot wohl kaum finden. Und lasse sich bitte niemand von der Länge des Films, etwa dreieinhalb Stunden Laufzeit, abschrecken. Es wird nicht eine Sekunde langweilig!

   Drehbuchautor und Regisseur Brady Corbet („Vox Lux“) nutzt eine Lebensgeschichte, um Zeitgeschichte zu spiegeln. Die Hauptfigur der Filmerzählung, Protagonist László Tóth (Adrien Brody), hat es in. der Realität so nicht gegeben. Doch garantiert sind wirkliche Ereignisse und Entwicklungen in die Fiktion eingeflossen. Denn wie viele Menschen waren es wohl, die, gleich Lászlo, Mitte, Ende der 1940er Jahre in die USA eingewandert sind? Neu anfangen wollten sie. Was für nicht wenige einer Wiedergeburt gleich kam. Den „American Dream“, den „Amerikanischen Traum“, wollten sie leben. Und einige haben ihn tatsächlich gelebt. Der ungarische Architekt Lászlo bekommt seine Chance dazu vom superreichen Industriellenspross Harrison Van Buren (Guy Pearce). Er gibt dem jüdischen Einwanderer den Auftrag, ein gigantisches Bauwerk zu errichten. Lászlo nimmt an. (Aus dem anvisierten Baustil des Brutalismus‘ leitet sich der Titel des Films ab.)

   Friede, Freude, Eierkuchen? Mitnichten. Denn Lászlo kann die Vergangenheit, das Erlebte und Erlittene, nicht einfach so wegdrücken. Der Prozess des Versuches, sich als Persönlichkeit umzuformen, außen wie innen, kann nur ein schmerzvoller sein. Aber kann er je gelingen? Darum kreist die etwa fünfzehn Jahre umspannende Filmerzählung – und weist damit weit über die Geschichte von Lászlo hinausweit. Denn so, wie ein einzelner Mensch, sein Dasein nicht wirklich neu beginnen kann, kann es auch kein Land, keine Gesellschaft. Worauf Brady Corbet und Team mit schonungsloser Direktheit zeigen. Ganz klar: der Blick gilt auch und vor allem der US-amerikanischen Gegenwart. „American Dream“? „Vom Winde verweht“ könnte man kalauern. Doch das vergeht einem, denkt man an die gegenwärtigen politischen Umbrüche im „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“.

   Der Film fesselt mit einem kunstvollen Zusammenwirken aller Gewerke. Subtile Inszenierung, kluge Bildgestaltung (Kamera: Lol Crawley), exquisite Musik (Daniel Blumberg) und insbesondere das herausragende Schauspiel sorgen dafür, dass man im Kino oft beinahe das Atmen vergisst. Die Oscar-Nominierungen als bester Film, für die beste Regie, das beste Drehbuch, bester Hauptdarsteller, zwei Mal für Nebendarstellungen, Musik, Szenenbild, beste Kamera und besten Schnitt sind alle berechtigt. Und selbst, wenn der Film nicht einen einzigen Oscar gewinnt, hat er seinen Platz in der Filmgeschichte als Meisterwerk sicher.

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