(Vereinigtes Königreich, USA, Frankreich, Deutschland, 2024, 114 Minuten/ Start in Deutschland: 20. 02. 2025)
Die Schwierigkeit des Erwachsenwerdens – originell beleuchtet. Autorin und Regisseurin Andrea Arnold („Fish Tank“, „American Honey“, „Cow“) erzählt von sich selbst, mindestens von eigenem Erleben. Die 12-jährige Hauptfigur des Films heißt Bailey (Nykiya Adams). Sie lebt mit ihrem jugendlichen Halbbruder Hunter (Jason Buda) und ihrem Vater Bug (Barry Keoghan) in einem schäbigen Wohnblock in einem recht tristen Ort. Bug hat scheinbar nichts anderes im Sinn als die anstehende Heirat einer neuen Partnerin. Die Mutter (Jasmine Jobson) kann der Tochter keine wirkliche Zuneigung schenken. Nach einem Streit flüchtet Bailey in den Wald. Dort trifft sie auf einen Fremden, Bird (Franz Rogowski). Der Mann im Rock steckt voller schön-schräger Ideen. Endlich ein aufmerksamer Freund. Doch wer ist er? Woher kommt er? Was will er? Und gibt es ihn wirklich oder ist er eine Einbildung des Mädchens?
Zukunftsangst, zerrüttete Familienverhältnisse, Gewalt. Der düstere Themenkreis wird nicht mit einer vordergründig brutalen Geschichte durchschritten. Zu sehen sind Momentaufnahmen, die oft wie hingetupft anmuten. Kameramann Robbie Ryan hat dazu eine impressionistische Bildwelt geschaffen, dicht an den Figuren. Entscheidend sind kurze Augenblicke von besonderer Schönheit, etwa ein Lichtstrahl aus dem Nirgendwo, ein unerwartetes Lächeln. Das alles ist psychologisch und sozial sehr genau, der Blick durchweg liebevoll. Die besten Szenen haben eine fesselnde Intensität.
Den Film prägt der Grundgedanke, dass sich Schönheit immer auch im Hässlich finden lässt. Andrea Arnold beschwört effektvoll den Mut zur Hoffnung. Franz Rogowski („Transit“, „In den Gängen“, „Große Freiheit“) wird zur Symbolfigur dieses Mutes. Der Schauspieler begeistert mit zauberhafter Leichtigkeit zwischen Realität und Traum. Doch er strahlt auch eine gewisse Indifferenz aus, lässt das Dunkle hinter allem Licht erahnen. Neben ihm sticht die zur Zeit der Dreharbeiten tatsächlich erst 12-jährige Nykiya Adams als Bailey heraus. Ihre Darstellung lebt von überzeugender Natürlichkeit. Barry Keoghan (bekannt aus „The Banshees of Inisherin“) hat der komplexen Vaterfigur eine fesselnde Vielschichtigkeit gegeben. Es sind vor allem die Akteure, die einem im Kino das Gefühl geben, mitten im Geschehen zu sein. Was aber nicht zu kitschdurchtränkter Seligkeit führt, sondern dazu, über das eigene Leben nachzudenken. Glücklich, wer sagen kann, sich ein wenig von der Unschuld der Kindheit über die Jahre und Jahrzehnte bewahrt zu haben.