„Amrum“

Hark Bohm & Philipp Winkler „Amrum“, Ullstein, 304 Seiten; Preis: 23,99 Euro

Das Ende des Zweiten Weltkriegs und der Beginn einer gar nicht so neuen Zeit. – Der von Kindheitserinnerungen des Regisseurs Hark Bohm angeregte Roman, von ihm geschrieben in Zusammenarbeit mit Philipp Winkler, bringt einen gehörig ins Grübeln. Denn was vor allem im Gedächtnis bleibt, sind die letzten Seiten. Da wird beschrieben, wie schnell viele, viele Hitler-Anhänger und -Anhängerinnen ihre Fähnchen nach dem Wind gehängt haben. Die neue Zeit baute nicht nur auf alten Trümmern auf. Sie hat auch vieles von dem, was war, übernommen und so einiges fortgeführt.

   Die Geschichte um das Umfeld einer dem Wahnsinn der faschistischen Ideologie treu ergebene Mutter wird mit Blick auf ihren Sohn Nanning, nicht mehr Junge, noch nicht Mann. Er hört viel, versteht aber wenig. Ein Heranwachsender, der oft, zu oft, wie ein Alter handeln  muss. Beispielsweise gilt es, die hochschwangere Mutter mit nahrhaften Lebensmitteln zu versorgen. Was in den letzten Tagen des Krieges alles andere als leicht ist. Ganz langsam machen sich erst Irritationen, dann Ahnungen, schließlich Fragen in Nannings Kopf breit. Ist die Welt, so wie sie ist, und wie die Mutter sie feiert, wirklich eine gute Welt?

   Agitiert wird nicht. Naturbeschreibungen, oft zu deuten als Metaphern auf das Zeitgeschehen, nehmen breiten Raum ein. Die Sprache ist dabei erfreulich knapp, lakonisch, gelegentlich melancholisch. Spürbar wird der Schmerz eines Menschen, der aus einem immerhin geregelten und drum ruhigen Dasein in die Abgründe von persönlichen Schmerzen und gesellschaftlichen Verwerfungen gerät. Doch dabei bleibt es nicht: Nannings Erleben und Erkennen verweist auf fatale historische Linien, die im Hier und Heute schon in eine ungewisse Zukunft scheinen. Das Buch stellt die Frage nicht, ob sich wiederholt, was Nanning erlebt hat. Beim Lesen drängt sich einem diese Frage gnadenlos auf.

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