„Das Buch der Unruhe“ (d’haus/ Schauspielhaus/ Großes Haus)
Zwischen „Hurz“ und grandios! – Kenner der ungewöhnlichen Gedankensplitter-Sammlung „Das Buch der Unruhe“ von Fernando Pessoa können sich eine theatralische Umsetzung nur schwer vorstellen. Ist es möglich, diese mehr als sechshundert Notizen, Weltverachtungsstimmungsbilder, Proteste wider die Dummheit und Dumpfheit allen menschlichen Mittelmaßes auf einer Bühne zum Leuchten zu bringen? Regisseurin Luise Voigt beweist: Es ist möglich. Dazu braucht es Mut zu Radikalität im Umgang mit der Vorlage und Kreativität beim Erfinden vielsagender Bilder, dies im direkten wie im übertragenen Sinn. Hat Luise Voigt. Wobei übrigens: Es dürfte egal sein, ob man die Vorlage kennt oder nicht.
Der Abend beginnt mit scheinbar reiner Poesie, einem Ausflug in eine herrlich melancholisch anmutende Portugal-Pseudoromantik, die jeden Reiseprospekt aufwerten würde. Schnell aber überlässt die Regisseurin der Wirklichkeit die Bühne: raffinierte Bild-Ton-Collagen führen direkt in die Gegenwart mit all ihren Verwerfungen zwischen Kriegen und Krisen. Wie überbordend das sein mag, verwischt es doch nicht den von Sehnsucht nach einem ganz selbstverständlich freien Leben geprägten Eindruck. Der wesentlich – wie dann die gesamte Aufführung – von der Klasse der Schauspielerinnen und Schauspieler geprägt wird. Da ist etwa Cathleen Baumann als Schatten eine Lady, die genauso gut eine Bordsteinschwalbe sein könnte. Wortlos agierend besticht sie mit der Eleganz einer Stummfilmdiva. Ein erotisch aufgeheiztes Gewitter, energiegeladen changierend zwischen Freude und Leid. Bestechend ist auch Jürgen Sarkiss als Alter Ego Pessoas und also Erzähler. Fragile Geisteskraft. Wenn er dann singt (wie in Schlüsselmomenten alle), zieht er Zuschauerinnen und Zuschauer unentrinnbar in seinen Bann. Oder Pauline Kästner als hochschwangere Bettlerin. Ein Fels der Hoffnungslosigkeit.
Schon hier, in den ersten Minuten, zeichnet sich ab, worauf sich Luise Voigt, so meine Interpretation (der sich leicht andere entgegensetzen lassen!) konzentriert: auf Pessoas bestürzte, ebenso eitle, mal depressive, dann wütende, oft brutal nihilistische, durchweg verzweifelte Absage an die menschliche Hybris. Krone der Schöpfung? Von wegen!
Es lässt sich manches einwenden gegen die etwas mehr als zwei Stunden dauernde Inszenierung. Einige Szenen sind zu lang geraten, so dass es redundant wird, andere sind überfrachtet. Ab und an kommt einem Hape Kerkelings „Hurz!“ in den Sinn, und man muss schmunzeln. Gelegentlich ärgert man sich sogar. Beispiel: Moritz Klaus, grandios im Sprechen, mimisch und körpersprachlich ungemein vielsagend, agiert als Computer-Spiel-Freak, der offenbar jeden Kontakt zur Realität verloren hat oder bewusst meidet. Seine packende Darstellung wird von einem Zuviel an riesig projiziertem KI-Kommerz fast erschlagen. Hier wäre weniger an äußerlichem Aufwand mehr gewesen. Klaus‘ Können das Innerste einer Figur nach außen zu holen, kann sich nicht frei entfalten. Von einem Zuviel an Illustration belastet mutet zudem eine satirische Gartenzwerg-Idylle mit Sebastian Tessenow als in Melancholie badendem Naturfreund an. Das jedoch ist nicht das, was bleibt!
Was bleibt, ist der Eindruck, dass die Regisseurin auf die Fähigkeit eines denkenden Publikums setzt, eigenständig durch einen Irrgarten der Anspielungen und Assoziation zu gehen. Nichts wird vorgekaut, keine Interpretationsmöglichkeit oktroyiert. Großartig! Ein Begriff, den man des Öfteren anbringen möchte. Da ist zum Beispiel der Auftritt von Pauline Kästner als TV-Wahrsagerin. Es ist hinreißend komisch und zugleich verstörend, wie sie da ein Würmchen charakterisiert, das meint, sich zur Schicksalsbezwingerin aufschwingen zu dürfen. Wie oft im Verlauf der Flut an vielsagenden Tableaus lohnt hier der Blick auf ein Detail: Mit einem scheinbaren Nichts an Aufwand, fern jeglichen Auf-die-Tube-Drückens, zeigt die Schauspielerin den Verfall einer Persönlichkeit, die ihr Dasein offenbar allein im Suff erträgt. Weltflucht als Rettungsanker. Bezwingend: Cathleen Baumann als quirliger Cowboy, der sich in seinem Lasso und damit in allen Klischees angeblicher Männlichkeit verheddert. Herrlich! Noch vieles ließe sich nennen. Da ist Manches Klamauk. Doch der ist aufs Beste schwarzhumorig und öffnet viele Türen zu ertragreichen Gedankenspaziergängen.
Geboten wird insgesamt ein Rausch enormer Theater-Lust, erfreulich frei von Regie-Eitelkeiten, schauspielerisch vielfach grandios und szenisch beeindruckend (Bühne und Kostüm: Maria Strauch; Musik: Frederik Werth; Videodesign: Stefan Bischoff). Das Publikum kann in einer intellektuellen Fülle schwelgen, ohne dass es je im Nichts illusorischer Tändeleien versackt. Denn durchweg ist eine ernsthafte und ernst zu nehmende Auseinandersetzung mit der Schieflage der Welt zu erkennen. Eine Schieflage, die von der allgegenwärtigen Macht des Mittelmaßes herrührt.
Zu würdigen wären sämtliche an der Produktion Beteiligte, etwa auch diejenigen, die, passend kostümiert, jeweils die Requisiten aufs Spielfeld bringen und wieder verschwinden lassen – und und und … Hervorgehoben sei Wilfried Schulz, dessen Intendanz mit dieser Spielzeit endet. „Das Buch der Unruhe“ ist ein herausragendes Beispiel dafür, mit welch sicherem Gespür er in zehn Jahren (mit seinem Team!) immer wieder dem Besonderen, auch Sperrigem, dem Jungen und dem Etablierten Entfaltungsmöglichkeiten ermöglicht hat. Mit bewundernswerter Risikofreude, die ab und an Flops hervorbrachte (Herrlich, denn gottlob gilt auch hier: „Nobody is perfect!“), hat er dem Düsseldorfer Schauspielhaus nicht allein ein großes Publikum erobert, sondern hat es maßgeblich geprägt und zu einer der führenden Bühnen im deutschsprachigen Raum gemacht. Chapeau! Es folgen bis zum Sommer noch Novitäten, doch diese darf schon jetzt als einer d e r Höhepunkte seiner Zeit am Rhein bezeichnet werden. Dies nicht allein wegen der Klasse, sondern gerade auch, weil sperrig und herausfordernd, irritierend und wild.
Klar: Ich gehe von meiner Lesart aus. Garantiert dürften zehn verschiedene Besucherinnen und Besucher zu mindesten elf unterschiedlichen Deutungen von diesem und jenem und dem Angebot in Gänze gelangen. Schier unzählige Lesarten sind denkbar, verschiedenste Reaktionen zwischen Ablehnung und Zustimmung. In jedem Fall allerdings verlässt man das d’haus nach gut zwei pausenlosen Stunden mit dem starken Verlangen, sich mit anderen über das Erlebte auszutauschen. Es darf gestaunt werden, wie viele verschiedene Gedanken aufleuchten. Eines dürfte dann bei Theaterfreunden entstehen: das Verlangen, mindestens ein zweites Mal diesen verwirrenden, bezaubernden, intellektuell und emotional aufwühlenden Theaterabend zu genießen.