(Deutschland, Frankreich, Ungarn/ 145 Minuten/ Start in Deutschland: 15. 01. 2026)
Herrlich irriterend. – Regisseurin Ildikó Enyedi liebt das scheinbar Skurrile. In „Körper und Seele“, bald ein Jahrzehnt ist es her, träumten sich zwei Liebende allnächtlich als Tiere zueinander. In ihrem neuen Film gelingt es ihr nun, die Sprachen der Pflanzen erfahrbar zu machen. Das klingt nicht nur schräg, das ist schräg. Doch weil in sich völlig stimmig und logisch, ist es faszinierend – und greift einem ans Herz.
Star des Films ist ein alter Ginkgobaum im botanischen Garten der Universität in Marburg, ein weiblicher Baum. Um ihn ranken sich drei zu verschiedenen Zeiten spielende Geschichten. Erzählt wird von Grete (Luna Wedler), die sich Anfang des 20. Jahrhunderts als erste weibliche Biologiestudentin in Marburg durchsetzen muss, von Student Hannes (Enzo Brumm), der in den 1970er Jahren verzweifelt nach Selbstsicherheit sucht, von einem älteren Wissenschaftler (Tony Leung Chiu-wai) aus Hongkong, der während der Corona-Pandemie Grundsätzliches über die Seele der Pflanzen herausfinden möchte.
Die drei Erzählungen sind geschickt miteinander verwoben. Da wird Nicht-Sichtbares und Nicht-Hörbares wirkungsvoll gespiegelt. Man lauscht und schaut höchst gebannt. Voller Spannung lustwandelt man auf der Suche nach den Geheimnissen der Unwägbarkeit allen Daseins. Ein Film wie ein Gedicht. Und wie es mit Gedichten so ist: Entweder man bekommt keinen Zugang oder man verliert sich in der Schönheit der im besten Sinn eigenwilligen Weltbetrachtung. Wunderbar dabei: Es wird nichts erklärt. So darf jede und jeder ein ganz individuelles Kinoerlebnis haben, an die Hand genommen von durchweg exzellent agierenden Akteuren – allen voran der Gingkobaum.