„Willkommen in den Bergen“

(Italien, 2024, 113 Minuten/ Start in Deutschland: 13. 02. 2025)

Wohlfühlkino. – Das klingt nach Kitsch und Oberflächlichkeit. Manchmal stimmt das, in diesem Fall kaum. – „Willkommen in den Bergen“ war im vorigen Jahr   d e r   Überraschungshit in den italienischen Kinos. Tatsächlich begeistert die Tragikomödie“. Dabei geht es um Ernsthaftes: Grundschullehrer Michele (Antonio Albanese) hat die Schnauze voll vom Berufsalltag in Rom, geprägt von aufsässigen Schülern, verständnislosen Eltern, einem Wust an Bürokratie. Er ist froh, nach fast vier Jahrzehnten Stress zumindest für einige Monate in ein kleines Dorf in den Abruzzen versetzt zu werden. Nur wenige Kinder zwischen sieben und zehn Jahren muss er unterrichten. Und die wollen lernen. Dazu die herrliche Naturkulisse. Doch kann von Idylle kaum die Rede sein. Die Erwartungen des Großstädters werden nicht erfüllt. Das Leben im Nirgendwo ist hart. Pragmatismus ist angesagt. Micheles Lust am Philosophieren etwa braucht hier niemand. Trotzdem wird er heimisch. Doch dann droht Ungemach: die Schule soll geschlossen werden. Agnese (Virginia Raffaele), mit der Leitung des kleinen Instituts betraut, ist verzweifelt. Denn sie weiß aus eigener Erfahrung, dass kleine Orte, deren Schulen dicht gemacht werden, dem Untergang geweiht sind. Was Michele verhindern will. Doch wie?

   „Zwergschulen“, offiziell Einklassenschulen genannt, weil Kinder verschiedener Stufen gemeinsam unterrichtet werden, gibt es hierzulande kaum mehr. Zu finden sind sie in Deutschland beispielsweise noch auf einigen Halligen. Auch in Italien ist ihre Zahl gering. Dieser Film weint ihnen nicht nach, nutzt sie aber als Symbol für gelebte Menschlichkeit. Autor und Regisseur Riccardo Milani wird von den Kritikern seiner Heimat gern als „neuer Neorealist“ bezeichnet und somit gilt als Nachfolger legendärer Kino-Regisseure wie Vittorio De Sica („Fahrraddiebe“), Roberto Rossellini („Rom, offene Stadt“) und Luchino Visconti („Ossessione“). Wie sie, etwa in den 1940er Jahren, nutzt auch er eine mitreißende, gefühlvolle Geschichte, um soziale Missstände und gesellschaftliche Verwerfungen anzuprangern. Schwergewichtiges wie Armut und Bildungsnotstand, Fremdenhass und Ausgrenzung sexueller Minderheiten, Korruption und Machtmissbrauch werden reflektiert. Und das erstaunlich locker. Tränen des Lachens und der Rührung sind garantiert.

   Entscheidend: Viele Rollen sind mit Laiendarstellern besetzt. Das sorgt für Authentizität. Sie spielen Leben vor, doch sie markieren nicht. Sie zeigen, was sie kennen, unverstellt und unverkrampft. Riccardo Milani hat die Amateure zu einem überzeugenden Spiel gebracht. Die Hauptrollen des Michele und der Agnese sind mit Profis besetzt. Der in Italien als Komiker beliebte Antonio Albanese erobert als ein wenig skurriler Einzelgänger Michele die Sympathien des Publikums. Was in hohem Maß der Sensibilität seines Spiels zu danken ist. Klamauk hat keine Chance. Stets sieht es so aus, als werde alle Komik aus Schmerz geboren. Sehr wirkungsvoll. Virginia Raffaele, in Italien besonders als TV-Comedy-Größe mit Parodien auf Politikerinnen und Politiker begannt, agiert sanft und zeigt großes Können dabei, wie nebenbei ein vielfarbiges Charakterporträt zu zeichnen.

   Erst das Finale des Films rutscht kurz in Klischees des Wohlfühlkinos ab. Da wird es fpür Momente tatsächlich kitschig. Bis dahin aber unterhält der Film aufs beste und stärkt die Hoffnung, dass die Kraft der Schwachen manchmal tatsächlich Berge versetzen kann.

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