Anita Ekberg als Sirene im Trevi-Brunnen in „La dolce vita“, Sophia Loren oder Gina Lollobrigida als handfeste Frauen in den „Liebe, Brot und …“-Komödien, Claudia Cardinale als pragmatische Schönheit im Western „Spiel mir das Lied vom Tod“. – Bilder, die um die Welt gegangen sind, Ikonen des italienischen Kinos.
In der mit diesem Buch ersten wirklich umfassenden deutschsprachigen Auseinandersetzung mit der Historie des italienischen Kinos spielen diese Bilder natürlich eine Rolle. Aber Autor Irmbert Schenk bietet mehr als glamouröse Erinnerungen an legendäre Kino-Momente.
Mit großer Sachkenntnis spiegelt er die Entwicklung des italienischen Filmschaffens von dessen Anfängen bis heute. Er tut dies liebevoll, aber fern jeglicher Verklärung. Sieben chronologisch geordnete Kapitel, komplettiert von einem Personenregister am Schluss, blicken auf die verschiedenen Film-Epochen in Italien. Am Anfang steht stets eine knappe aber profunde Beschreibung der jeweiligen historischen Zusammenhänge, werden politische und soziale Gegebenheiten skizziert. Man erfährt viel Bemerkenswertes.
Zum Beispiel wird ausführlich dargelegt, dass nicht Hollywood, nicht Deutschland und auch nicht Russland, die das gern für sich reklamiert haben, das Genre des Monumentalfilms begründet haben. Es waren italienische Filmschaffende, schon vor dem Ersten Weltkrieg. Auch der Star-Kult, andernorts erst später etabliert, bescherte italienischen Produzenten schon früher als anderswo große finanzielle Gewinne. Da ist es auch amüsant, ganz nebenbei zu erfahren, dass die noch heute berühmte Theaterschauspielerin Eleonora Duse gerade mal in einem einzigen Film aufgetreten ist.
Aufschlussreich sind auch die kenntnisreichen Anmerkungen zur Einflussnahme des faschistischen Gedankenguts zur Zeit des Diktators Benito Mussolini auf das Filmschaffen, die schwere Zeit nach 1945, die Finanzkrise der 2000er Jahre. Irmbert Schenk zeigt durchweg, dass Kino immer, selbst wenn vordergründig gar nicht gewollt, Reflex seiner Zeit ist.
Besonders spannend sind die Ausführungen zum so genannten Neorealismus, jener die Weltfilmkunst nachhaltig beeinflusst habenden Strömung des italienischen Kinos nach dem Zweiten Weltkrieg. Entstanden als Gegenentwurf zur in der Zeit des Faschismus’ vorherrschenden Traumfabrik, haben damit noch heute berühmte Regisseure wie Roberto Rossellini, Vittorio De Sica und Luchino Visconti die Wirklichkeit auf die Leinwände der Lichtspielhäuser geholt. Wie und mit welcher internationalen Wirkung, das beschreibt der Autor mit Sachkunde und Spannung. Was die Lektüre bei aller Informationsaneignung auch sehr unterhaltsam macht.
Das gilt ebenfalls für das umfangreichste Kapitel, das die 1960er und 70er Jahre reflektiert. Berühmte Filme, wie beispielsweise die tiefgründigen Gesellschaftsdramen von Michelangelo Antonioni, werden gewürdigt, aber ebenso das Genrekino, angeführt von den legendären Western eines Sergio Leone.
Das letzte Kapitel des Buches durchstreift die ersten zwei Jahrzehnte des 21. Jahrhunderts. Hier beschreibt der Autor die Zwänge, die aus einem lückenhaften Fördersystem entstehen, die aus politischen Unsicherheiten resultierenden Probleme, Vor- und Nachteile der technischen Novitäten, speziell im digitalen Bereich. Am Ende sieht der Autor Hoffnung für das italienische Kino, das Kino an sich. Er ist jedoch klug genug, ein kräftiges Fragezeichen zu setzen. Schließlich kann derzeit niemand absehen, welche Folgen die Corona-Pandemie auf die Filmkunst und das Kino hat.
So erfreulich der Text von Irmbert Schenk ist, so enttäuschend ist die Gestaltung des Buches. Das fängt schon mit dem Cover an. Der Untertitel „Cinema Paradiso?“ spielt auf einen der berühmtesten italienischen Kinospielfilme seit Ende des Zweiten Weltkriegs an. Doch kein Szenenfoto daraus ziert den Band, sondern Anita Ekberg und Marcello Mastroianni in Federico Fellinis „La dolce vita“. Verwundert das, enttäuscht die Bildpräsentation im Buch einfach nur.
Der Magie des Kinos, die der Text bei aller oft durchblitzenden Wissenschaftlichkeit durchaus aufs Schönste beschwört, findet im Layout keinerlei Entsprechung. Die wenigen Schwarz-Weiß-Fotos sind durchweg viel zu klein. Wer ein Film-Buch kauft, möchte das Besonderes des Kinos, bei aller Freude an klugen Schriften, mit berauschenden Bildern imaginieren können. Diesbezüglich hat der Verlag die Bedürfnisse des Publikums völlig außer Acht gelassen. Dabei dürften Fragen der Preisgestaltung eine Rolle gespielt haben. Doch: Wer 34 Euro für ein Kino-Sachbuch ausgibt, der blättert wohl gern auch mehr dafür hin, um die Magie des Kinos aus den Buchseiten erstrahlen lassen zu können.
Irmbert Schenk „Geschichte des italienischen Films – Cinema Paradiso?“ ISBN 978-3-7410-0370-7, 334 Seiten, zahlreiche Abbildungen, 34,00 Euro