„Prinz Friedrich von Homburg“ (d’haus/ Schauspielhaus/ Großes Haus)
Nicht vergnüglich, aber überaus anregend! – Wer bereits Inszenierungen des Regisseurs und Bühnenbildners Ulrich Rasche erlebt hat, bekommt, dem ersten Eindruck nach, Bekanntes, neu aufgewärmt, serviert. Rasche bleibt sich treu, setzt wieder auf konturenscharfe Choreografien im Sprechen, Laufen, in Gestik und Mimik. Auch das Bühnenbild: streng, ja, karg. Geprägt wird die leere, dunkle Weite von der Drehbühne, ein Kern, darum zwei sich oft gegenläufig drehende Ringe. Lichteffekte und manch Hauch von Nebelschwaden sorgt für Raumwechsel. Deutliche Akzente setzen insbesondere zahllose Lichtröhren, die, stets akkurat geordnet, oft aus der Höhe herabgleiten. Kerker, Feld, Prunksaal – alles wird imaginiert. Das Schauspiel-Ensemble mutet überwiegend wie ein Haufen Untoter an. Uniformiert in schwarz, nahezu sämtliche Bewegungen koordiniert. Dazu: Permanente Live-Musik. Die stört allerdings mehr, als dass sie erhellt. Zu oft klingt das wie ein rein illustrierender Kintopp-Sound.
Das Entscheidende: die Sprechweise. Es wird fast überbetont, sehr, sehr langsam geredet, mit vielen Pausen. Das irritiert zunächst. Dann aber führt es bald dazu, dass man ungemein gebannt wird und wirklich ganz genau zuhört. Der reiche Inhalt der Texte darf sich voll entfalten. Zentral: die Frage, was das Mensch-Sein ausmacht.
Zuschauerinnen und Zuschauer müssen eigene Antworten finden. Mitdenken ist angesagt, auch grübeln, rätseln. Da gilt es, Leerstellen auszuhalten. Wunderbar! Die hier offerierte Freiheit für die Besucherschar, sich einzubringen, ist der große Gewinn des Abends. Wer ganz dabei ist, kommt bald von der Geschichte des zwischen Traum und Wirklichkeit wandelnden Prinzen von einst zu sich selbst. Ulrich Rasche erfüllt damit exzellent den eigenen Anspruch, mit seiner Arbeit stets auf die Gegenwart zu schauen.
Nicht allen im Parkett wird alles gefallen beziehungsweise sich erschließen. Da ist zum Beispiel die Idee, den Prinzen gleichsam zu verdoppeln. Vor der Pause führt das zu einem großen Moment: Der Titelheld schaut, indem er sich selbst als wandelnden Leichnam erblickt, direkt ins furchterregende Antlitz von Gevatter Tod. Später, gen Ende, bei einer erneuten Verdopplung, wird keine vergleichbare Intensität erreicht. Aber: Na, und?! Die Aufführung macht viele Angebote. Man muss nicht alle goutieren.
André Kaczmarczyk, Publikumsliebling in Düsseldorf, seit seiner Darstellung eines genderfluiden Ermittlers in der Fernsehreihe „Polizeiruf 110“ bundesweit bekannt, verschmilzt regelrecht mit der Titelfigur. Sein Charisma überstrahlt alle und alles. Kunstfertig fokussiert er auf einen Konflikt, den wohl jede und jeder im Zuschauerraum kennt: Muss, soll, darf ich auf meinem persönlichen Glücksanspruch beharren, auch wenn der vermeintlich einem angeblich höheren Anspruch widerspricht? – Fesselnd!
Der fast vierstündige kritische Exkurs in die Gegenwart entlässt einen nicht leichtfüßig, nicht unbeschwert vergnügt. Doch das Vergnügen, sich einbringen zu dürfen, weit über den Abend hinaus nachdenken zu können, wiegt das allemal auf. – Sehr zu empfehlen!
Hallo lieber Peter Claus,
hat sich meine halbfertige Mail unerlaubt schon auf den Weg gemacht?
Falls nicht, nochmal danke für den Tipp ins D‘Haus zum Prinz zu gehen, wir werden berichten.
Liebe Grüße Karin&Dieter Hafner